Diagnosen über Diagnosen

Nun, da mein Blog ja eigentlich auf der Diagnose Asperger fußt, hatte ich bis jetzt, ein Monat nach der Enlasstung aus dem 9 wöchigen Klinikaufenthalt lange keinen Mut mehr einen Eintrag hier zu schreiben – abgesehen von der kognitiven Lähmung die mich derzeit wieder einmal im Griff hat. Gedanken blitzen durch den Kopf und gewinnen so schnell an Wert aufgeschrieben werden zu wollen wie sie ihn wieder verlieren. Zeit- und Raumgefühl lassen zu wünschen übrig und meine Probleme aufgrund meiner dependenten Persönlichkeitsanteile erschweren es mir meine Ziele im Fokus zu behalten, oder überhaupt welche zu haben. Mein Alltag besteht aus dissoziativen Zuständen und gelegentlichen extremen emotionalen Ausschlägen, die mich in einen Sog aus Strukturlosigkeit ziehen, woran meine derzeitige Lebenssituation im einem weiteren Urlaubssemester und ohne viele therapeutische Haltpunkte nicht unschuldig ist. Man entließ mich sehr kurzfristig aus der Klinik, ohne Tips oder einen Anhaltspunkt, ohne haltgebende Struktur, mit einer gesetzlichen Betreuung an der Seite und das wars. Nun heißt es, ich solle mich nicht überlasten sobald ich den Wunsch äußere arbeiten zu gehen. Arbeit solle ich mir überlegen und besser an mir arbeiten, aber wie?? Ich bin noch immer in der Warteschlange für die Einzeltherapie. Was zum Teufel soll ich denn den ganzen Tag machen außer aufstehen, TV gucken, Abend essen und schlafen gehen?

Zur Zeit habe ich einmal die Woche ambulante Ergotherapie, was für mich eine gute Gelegenheit ist trotz der chronischen inneren Apathie und Realitätsverluste mal raus zu gehen, unter Menschen zu sein und etwas zu schaffen. Dann habe ich ebenfalls einmal die Woche noch eine Art Gruppentherapie, die mehr der Information über Borderline dient und dem Austausch als der Bearbeitung aktueller Probleme. Wirklich bringen tut mir das gerade nichts, das sind gerade mal zwei Stunden in der Woche, in denen ich etwas sinnvolles tue.

Für mich ist es wichtig die Diagnose zu haben, aber es bringt mich auch in einen Konflikt, da ich vielfach gehört habe dass sich Asperger und Borderline praktisch überhaupt nicht vereinbaren lassen, quasi sowas wie Gegensätze sind. Meine Probleme im Umgang mit Sozialkontakten lassen sich auch mit Dissoziation nicht alleine erklären, finde ich. Die Ärzte in der Klinik bestanden trotz bis heute ausgebliebenem, aber trotzdem existierendem Gutachten des Facharztes, der bei mir Asperger diagnostizierte, darauf, dass meine „autistischen Züge“ (die Gänsefüßchen waren in ihrer Ausdrucksweise deutlich herauszuhören) nicht auf ein Asperger Syndrom zurückzuführen seien und Nebenwirkungen anderer psychischer Probleme sein könnten. Damit habe ich mich aber bis heute nie zufrieden gegeben.

Denn ich denke, das würde es wiedereinmal zu einfach für die Außenstehenden um mich herum machen zu sagen, ich solle mir doch „einfach“ ein soziales Netzwerk aufbauen, weil mir damit auch das Aufrechterhalten einer stabilisierenden Tagesstruktur automatisch besser gelänge. „Einfach“ die Ängste so oft zu überwinden und trotz größter Anspannung mich immer wieder in den nicht einmal für mich Mehrwert bietenden Löwenkäfig aus sozialen Kontakten zu begeben erscheint mir aber als höchst fahrlässig und ignorant von anderen von mir zu verlangen. Ich fühle mich wie immer missverstanden und wie im falschen Körper, denn ich würde ja, könnte ich und wollte ich. Ja, die Seele eines Menschen will Kontakt, aber der Kopf will es dennoch nicht, das gibt es und ich denke nicht dass das mit Borderline-spezifischen Problemen zu tun hat.

Manchmal wünsche ich mir, einfach naiv und dumm durch die Welt gehen zu können. Meine Gabe ständig alles zu hinterfragen und mir dabei stets selbst auf eine rationale Weise die Antworten auf alles geben zu können nimmt mir zu einem großen Teil den Willen überhaupt auf dieser Welt zu weilen. Was gibt mir der Kontakt zu anderen, wenn ich sie immer wieder nur durchschaue und das, was Menschen als so unterhaltend und lebenswert empfinden, zu tausenden Malen schon gesehen und erkannt habe? Was wenn es einfach nichts gibt, was mich bei irgendjemandem hält, außer diese unbändige Borderlinegefühlswelt, die sich eben bei meiner einzigen Bezugsperson, meinem Freund, entläd und ihn damit überschüttet? Es gibt keinen Grund für mich mich für andere Menschen zu interessieren, da ich einfach kein Interesse an ihnen habe. Mein Freund ist wiederum wie meine zweite Hälfte und die Ängste vor allem davor, von ihm verlassen zu werden, durchschütteln mich oft, quälen mich zwar, aber halten mich am Leben und geben ihm einen Sinn. Gefühle für Menschen, das ist denke ich der Sinn im Leben, oder bin ich Gehirnwaschen von einer Welt die sich gerne in romantischen Büchern und Filmen wegträumt und sich ständig von Werbung das perfekte Leben suggerieren lässt?

Nun, da ich ja auch neue Medikamente nehmen muss gegen die Depressionen (Cymbalta) kann ich nicht mal mehr Alkohol trinken um soziale Kontakte wenigstens wollen zu können, da dieser zehnfach schneller und stärker nun wirkt und auch extreme emotionale Ausbrüche bei mir zur Folge hat, seit dem ich die Medikamente dazu nehmen muss. Ich habe in den Malen wo ich meine sozialen Bedürfnisse mithilfe von Alkohol befriedigen wollte mich entweder mit Leuten geprügelt, die mich nur verschonten weil ich ne Frau bin, oder bin fast meinen Freund losgeworden, weil ich ihn mit Dingen terrorisiert habe die eigentlich längst vergessen waren. Das Ende solcher Abende die eigentlich hätten schön sein können war dass ich mit Panikattacken und Heukrämpfen durch die Stadt rannte, auf der Suche nach meinem Freund, der die Schnauze voll hatte. Es ist, als würde meine komplette Borderlinegefühlswelt jetzt wo ich ein sicheres Mittel gegen meine chronischen Depressionen einnehme umso mehr zutage treten. Die Saufgelage einmal die Woche, die mir halt gaben weil sie mir zeigten dass ich doch Freude unter Menschen empfinden und sensorischen Stress ausblenden kann, fallen nun aus, und mit ihnen auch wichtige Dinge die mir, destruktiv wie sie waren, dennoch Halt gaben. Super toll.

Ja, es ist eine von Gegensätzen geprägte Gefühlswelt die Asperger und Borderline mit sich bringen, wenn es nicht schon alleine Borderline tut. Ich habe das Gefühl sonst nichts zu haben. Ich will ein normales Leben, Freunde, gesundes Interesse an anderen Menschen außer meiner Liebe und ein einigermaßen ausgeglichenes Gefühlsleben. Das kann ich nicht haben und ich habe keine Ahnung, wie ich es anstellen soll damit zu leben, denn alles wehrt sich dagegen, dieses Leben leben zu wollen. Irgendeines, aber nicht dieses.

Ich glaube die einzige emotional wertvolle Bindung die ich abgesehen von meiner Beziehung haben kann ist die zu einem Tier. Ich wünsche mir nun schon seit Jahren so sehntlichst einen Hund aber Schulden schütteln meine finanzielle Situation, weil ich zu oft meine Bedürfnisse mit Kaufanfällen versucht habe zu befriedigen. Nun habe ich eine gesetzliche Betreuung die ein Auge darauf hat dass wenigstens das organisatorische Drumherum in meinem kaltleeren Alltag funktioniert und so schnell sicher nicht zulässt dass ich mir wieder eine Schuldenfalle einhandle. Schließlich leide ich ja an fehlender Impulskontrolle, da kann man ja nie wissen wann ich wieder keinen Bock auf das habe, was ich im anderen Moment ausfüllend fand. Ganz ehrlich, ich weiß es selbst nicht und mein Vertrauen zu mir selbst schwindet, hat womöglich nie existiert.

Es gibt ja sogar Menschen, die sich für mich interessieren. Es gibt auch Phasen in denen ich mich für sie interessiere. Aber das ist nicht von Dauer und nach kürzester Zeit schwindet mein Interesse und gut gemeinte Annäherungsversuche ignoriere ich oder scheuche sie von mir wie ein Pferd eine Schar Fliegen die es stören.

Mit Hobbys funktioniert es genau so. Bis vor kurzem hatte ich eine Phase in der ich wieder unglaublich gerne gehäkelt habe und den großteil meines Tages an einem Projekt arbeiten konnte ohne die Lust daran zu verlieren. Morgens stand ich auf und das erste woran ich dachte war, häkeln häkeln häkeln. Nichts neues, das hatte ich schon mit tausend Dingen. Es entspannte mich und ich googelte stundenlang schöne Projekte die ich umsetzen könnte, in der Hoffnung meine Tatkraft produktiv ausnutzen zu können und endlich auch mal was hinzukriegen, während mein Freund jeden Tag das Geld ranschafft. Vor lauter Bilder sammeln wuchs der Berg an Möglichem was ich umsetzen könnte und damit auch das Gefühl, nichts davon zu schaffen. Mittlerweile schmeiße ich mein Häkelwerk nach wenigen Minuten wieder hin. Es ist immer wieder dasselbe.

Leute, ich kann mich gerne zwingen so zu tun als hätte ich Spaß am Leben. Aber bitte erwartet dann von mir auch nicht dass ich umgänglich bin. Keiner hat mich je gefragt ob ich einverstanden damit bin, so auf diese Welt zu kommen!

Die kleinen Dinge die ich mag

Es gibt vieles was ich mag. Aber nicht alles was ich mag tut mir auch gut. Vieles setzt mich unter Druck, schürt Erwartungen, ist anstrengend, oder sogar destruktiv. Die kleinen Dinge und Momente die nichts oder wenig kosten, nur von mir für mich sind und keinerlei Perfektion in der Umsetzung bedürfen sind rar. Aber es gibt sie.

Meine Lieblingszeitschrift (die flow) durchblättern nur um den Duft des Papiers zu riechen und die schönen Illustrationen anzusehen. Kaffee und Zigarette am morgen, frischer Tau auf der Wiese und kühle Sonnenstrahlen. Zug fahren und mich dabei Musik hörend in die Weiten tragen lassen. Ein Mandala ausmalen. South Park gucken und ne Tüte Erdnussflips futtern. Am Strandcafe in der Hängematte sitzen, ein Schöfferhofer trinken und Deephouse Klängen vom DJ lauschen. Die Füße in einen kühlen Fluss halten und mich von den vielen kleinen Fischen knutschen lassen. Einen Hund hinter dem Ohr kraulen. Meinen Schatz im Nacken kraulen. Frühstück machen. An Kaffee riechen. Puzzeln. An Schatzis T-shirt riechen. Eine Ameisenstraße beobachten. Mit dem Bus einfach irgendwo hin fahren, ohne Ziel. Ein kühles Bier und Fußball gucken mit Schatzi. Sauna. Dinge mit Gesicht anschauen.

To be continued…

Leere Worte – Resümee der letzten 6 Wochen

Heute bin ich genau 6 Wochen in der Klinik. Auf der Kiseninterventionsstation. Die Entlassung naht und auf den ersten Blick sind eigentlich viele erbauliche Weichen für mein Leben gestellt. Ich habe neue Medikamente bekommen die mir zu mehr Antrieb verhalfen, die alten Medis wurden abgesetzt, Psychotherapie ist in Planung, ein Betreuer wird mir in den nächsten Monaten dabei helfen den Berg an Alltagsdesorientierung, Schulden und Behördenangelegenheiten zu organisieren, wie auch meinen anstehenden Auszug aus der 12er WG in die ich impulsgetrieben hoffnungsvoll vor fast einem Jahr eingezogen war und wo ich effektiv doch nur 3 Monate verbracht habe, sowie mein Studium, welches ich vielleicht an einer Uni in der Stadt, wo mein Freund wohnt, wieder neu anfangen werde. Vorausgesetzt, ich ziehe wieder zu ihm. An sich steht dem überhaupt nichts im Wege. Unsere Beziehung scheint ist stabil, wir lieben uns, haben Pläne für die Wohnung, wollen beide einen Hund und mein Alltag fiele mir mit Sicherheit leichter, wenn mein zentraler Lebensmittelpunkt nicht mehr einen Durchmesser von über 50km hat.

Ansich sind das alles gute Voraussetzungen, mich wieder ins Leben hinauszuwagen. Sich dem Minenfeld aus chronischer Leere, emotionaler Instabilität und sozialem Dauerstess zu stellen. Ängste gibt es viele. Zweifel auch. Mit ihnen Schuldgefühle, Scham, und alles was so dazugehört.

Diese Veränderungen sind jedoch nur oberflächlich. Ich spüre dass sich in mir drinnen eigentlich noch gar nichts verändert hat. Die dysfunktionalen Verhaltens- und Denkmuster, die bis zum psychosomatischen Kollaps geführt haben der mich in die Klinik  brachte, sind weder vollständig entlarvt noch unter Kontrolle gebracht. Diejenigen, die wenigstens als solche sich zu erkennen geben, machen keine Anstalten freiwillig zu gehen. Soll heißen, so manches an dem, was meine Probleme verursacht, will ich auch gar nicht so recht loslassen. Sei es das Grübeln, oder das ständige Vergleichen mit anderen. Das exzessive Befassen mit Themen, die mir so eigentlich gar nicht guttun, oder der Alkohol, den ich zur Entspannung missbrauche.

Das Grübeln bezieht sich, und das ist mir ganz und gar nicht neu, wieder mal auf meine Diagnose. Meine Identität. Ja, für mich ist meine Diagnose gleichzusetzen mit meiner Identität. Sonst ist da nichts. Die Diagnose hier sieht etwas anders aus. Borderline Syndrom, heiße ich nun nach wochenlanger Beobachtung, Testerei und Amnamese.

Ich muss es so sagen wie ich mich fühle: Ich schäme mich eigentlich, dies zu schreiben. Ich schäme mich dafür, dass ich mich in Diagnosen suche. Dieser ganze Blog ist eigentlich eine Farce, baute er doch ursprünglich auf der Asperger Diagnose auf, die mich zu regelrechten Einsichten über meine Persönlichkeit brachte, und sogar ein Stückchen „Arschlocheinstellung“ in mir wachrüttelte. Denn Asperger ist ja keine Krankheit, Asperger ist eine neuronale Verkabelung im Gehirn, die sich leider eben von der der meisten um mich herum unterscheidet.

Wären meine Probleme jedoch durch eine autismusfreundliche Lebensweise mit wenig sensorischer Belastung, klar strukturiertem Alltag und einem mit Spezialinteressen gefüllten Leben gelöst müsste ich nicht in die Klinik, und auch keine Psychotherapie machen. Und dort war ich immerhin letztendlich mehr oder weniger freiwillig. Notgedrungen. Weil meine Emotionen derart ausschlugen dass ich es nicht mehr tragen konnte. Ich schäme mich eigentlich, die Diagnose Borderline bekommen zu haben, gleichzeitig jedoch fühle ich mich irgendwie… vergolten. Endlich kann ich mit dem Fähnchen rumwedeln auf dem steht: DAS ist mein Problem. DIES muss ich dagegen tun. Und DU hast mir gar nicht zu erzählen wie ich mich besser zusammenreissen könnte.

Borderline ist eine Modediagnose, Borderliner sind doch die die immer ausrasten blabla. Ich kann das nicht mehr hören. Ich will es nicht mehr hören! Meine Probleme lassen sich damit beschreiben. Basta. Warum muss ich mich rechtfertigen? Ja warum eigentlich? Es sagt doch keiner was.

Naja. jedenfalls scheint es so ganz plausibel. Innere Leere. Lebenslanges Symbiosestreben. Hass, Wut, auf die Menschheit, auf die, die Minderwertigkeitsgedanken in mir erzeugen. Nicht-wissen wer ich eigentlich bin. Ziemliche Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, ob mir etwas guttut oder nicht. Sollen lieber andere entscheiden. Angst, eigentlich vor Allem, diffus, manchmal konkret. Zuviel Angst, mich umzubringen. Aber gleichzeitig konkrete Fantasien, die mich eher amüsieren, als dass sie mir Angst machen. Diese kleinen Dinge im Leben, die manchmal wunderschöne, aber manchmal auch schreckliche Emotionen auslösen. Rückzug, paranoide Gedanken. Anders kenn ich es halt nicht.

Im Moment ist mir eigentlich das Meiste egal. Was mir Lebensfreude bringt, und das Bedürfnis, auf dieser Welt weilen zu wollen, das ist mein Freund, denn er ist das einzige, was beständig ist, auch wenn das unglaublich viel Blut und Kraft gezehrt hat. Auf beiden Seiten – wir haben es uns hart verdient. Die Vorstellung, einmal einen Hund zu haben. Ich glaube, das würde mich erden, mir einen Sinn geben und Konstanz, anhaltendes Glück, auch wenn ich es in schlimmen Zeiten manchmal ausgraben muss. Etwas/jemanden zu haben, der Resonanz in mir erzeugt, das ist es, was meinem Leben einen Sinn gibt. Auch wenn diese Resonanz leider oft erst im Nachhinein entsteht, und ich im Hier und jetzt eigentlich immer nur Anspannung und Stress empfinde. Danach ziehe ich mein Resümee und sage, das war schön, er war es wert.

Naja. Morgen ist es vielleicht was anderes. Aber wer weiß das schon, was morgen ist.

Wenn „Ich“ weg bin

Es gibt Situationen, da fühle ich mich als würde es „mich“ nicht mehr geben, als wäre „ich“ einfach von einer anderen Person, die diesen Zustand auslöst (es kann irgendeine Person sein) ausradiert worden (unfreiwillig (?) ), auch, als wäre das, was ja trotzdem als Hülle des „ich“s noch existiert völlig wertlos, ohne eigene Bedürfnisse, Rechte, Ziele, Emotionen und Eigenschaften. Die Person, die dies auslöst ist für mich der Geiselnehmer meines „Ich“, und doch fühle ich mich zu ihr hingezogen, eine Hassliebe, wenn der Zustand sehr stark ist. Die Person hat vielleicht etwas getan was mich an meine eigene traumatische Vergangenheit erinnert, die Person verhält sich vielleicht genau so wie ich damals, und erhält eine Art Genugtuung in den Augen meines Ich-Rests, die ich damals nicht bekam. Oder sie verkörpert die Genugtuung selbst, eine Bezugsperson, das Urvertrauen, die Liebe die mir fehlt, und wird zum Suchtobjekt, mit dem unausgesprochenen Ziel, mein „Ich“, mit Lebenswillen und eigenen Bedürfnissen und Zielen, wieder zu erlangen. Sie nimmt mir dies gleichermaßen durch ihr Verhalten, durch ihre bloße Existenz.

All das löst eine diffuse innere Spannung aus die sich nicht entladen kann, ich will es, aber es geht nicht. Innere Leere und gleichzeitig eine schier unerträgliche Ich-Sucht, Unruhe. Dadurch dass „Ich“ nicht mehr bin, wertlos, wertfrei bin, bekomme ich das Bedürfnis mich wieder spüren zu können. Ich will weinen, etwas fühlen, Gefühle zeigen, eine Richtung in die es mich treibt, aber es geht nicht. Ich fühle mich im eigenen Kopf gefangen aber weiß nicht mehr wer dieses „Ich“ ist, das einst Träume, Hobbys und Leidenschaften hatte. Mich zu verletzen widerstrebt mir normalerweise, weil ich konträr dazu auch Zustände habe wo ich viel Angst vor meinem eigenen Körper habe, oder Zustände mit Selbstmitleid – doch ich denke oft daran, einfach weil ich diesen Druck loswerden will, dieses „Nichts“-sein. Und mein Körper irgendwas fühlen will, stattdessen nur eine starre Hülle ist. Vielleicht kneife ich mich, beiße meine Finger auf, weil ich das ja schon immer so tue, oder ähnliches. Kaue auf den Hautfetzen rum. Oder trinke so viel Alkohol bis ich mich entspannen kann. Oder entladen.

Doch das tue ich nicht oft. Die meiste Zeit über halte ich diesen Zustand einfach nur aus. Ja leugne ihn sogar, ohne es zu bemerken. Spalte ihn ab und verharre, bis es vorbei ist, weil ich es so gelernt habe. Weil ich eben gelernt habe dass es keinen Handlungsweg gibt ohne am Ende bestraft zu werden, dass hinter jeder Tür die ich versuche zu öffnen Elektroschocks lauern, da es gar nicht gewollt war dass ich es richtig mache. Es war von vorneherein nicht eingeplant.

Ich kann nicht sagen ob das alles mit meiner Erzeugerin zu tun hat, ich kann nur zusehen wie ich heute diese Situationen erlebe in denen diese Gedanken auftauchen, völlig ohne eine offensichtliche Verbindung zu meiner Vergangenheit.

Labyrinth der Selbstwahrnehmung

Nun, hallo. Ich fühle mich schrecklich unkreativ und versuche dennoch hier ein Lebenszeichen von mir zu geben. Ich befinde mich nach fast genau 9 Jahren das erste mal wieder in der Psychiatrie. Seit ein paar Tagen habe ich wieder ein Gerüst um mich herum um das bloße „Funktionieren“ wiederzuerlangen. Dass das das einzige ist was ich in diesem Moment wieder erlangen sollte geht schwer in meinen Kopf. Der ist sehr unbarmherzig mit mir und verlangt Klarheit, Leistung, Produktivität und Organisation, obwohl er selber keinen Beitrag dazu leistet. Dieser Krieg war mir in den letzten Jahren immer mehr oder weniger präsent. Der Grund weshalb er mich gerade jetzt in die Klinik gebracht hat war der Rest meines Körpers. Der Krieg, den mein Kopf Tag für Tag ausfechtet, hat ihn ganz schön ausgelaugt und langsam aber sicher mit immer mehr psychosomatischen Quälereien überhäuft. Dass das in eine Angst- und Verzweiflungsspirale führt ist klar. Deswegen bin ich nun hier.

Im Moment weiß ich wenig. Ich fühle kaum etwas. Lethargisch. Warum soll ich eigentlich einen Text schreiben. Warum? Na, weil ambivalent dazu eigentlich nichts klar ist. Ich sehne mich nach Klarheit. Nach Ordnung, und Kraft. „Streng Dich an“ ist ein Satz wie ein Schlag ins Gesicht für jemanden, der nicht mal weiß ob er sich genug anstrengt aber dennoch ständig genug hat. Hier muss ich nur funktionieren. Wach bleiben. Zu festen Zeiten essen, schlafen und runter kommen.

Dass das jedoch meine Probleme nicht löst dürfte klar sein. Meine Gedanken drehen sich nur darum, wie es ist wenn ich wieder draußen bin. Dann ist alles wieder beim Alten, denn im Grunde kann mir auch das neue Medikament, was ich hier bekomme, nicht helfen das an meinem Leben zu ändern was nur ich ändern kann. Meinem Leben Sinn, Struktur und Ordnung zu geben. Diese Einsicht, dass ich der Hauptcharakter, die Hauptverantwortliche für mein Wohl sein soll, bringt mich aus der Fassung. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich mich nicht wollen, denn ich bin ein Haufen Chaos. Antriebslos, kompliziert, unzufrieden, manchmal extrem verzweifelt, dann wieder apathisch, und will mir jemand helfen, weiß ich plötzlich nichts mehr, kann auf nichts zugreifen. Mein Kopf ist dann wie leer gefegt. So wie jetzt.

In der Schublade liegt ein Amnamesefragebogen, den ich großteils ausgefüllt habe. Vieles durchgestrichen, verbessert, revidiert. Wer bin ich eigentlich, zu wissen was mein Problem ist, wenn mein Problem das Denken und Wahrnehmen ist? Die Diagnostik steht hier noch an. Ich will Klarheit aber habe gleichzeitig Angst davor. Angst Missverstanden zu werden. Angst selber nicht einmal erklären zu können, was man denn an mir verstehen muss. Ein einziges irrationales Kuddelmuddel in meinem Kopf.

Autismus verworfen, Schizoaffektive Störung wieder angenommen, dann wieder verworfen, Asperger Autismus wieder angenommen, Bipolar kann ich auch nicht sein, oder etwa doch? Oder etwa doch einfach „nur“ depressiv? Bin ich nicht vielleicht doch einfach nur „schüchtern“? Eine ängstlich vermeidende Persönlichkeit? Nichts davon scheint wirklich zu passen. Ich bin alles und doch nichts. Keine Schublade dieser Welt vermag mir Klarheit zu verschaffen und den Weg zu zeigen.

Dann sind da diese Menschen auf Station, die sich selbst Fleischwunden zufügen, Menschen die alle paar Tage zuverlässig vorhersehbar einen Nervenzusammenbruch haben, Menschen die zuverlässig ausmachbar Stimmen hören, Menschen die einfach Probleme haben an denen es nichts zu rütteln, nichts falsch zu interpretieren, nichts über zehn Ecken zu denken oder keine Maske vorher abzusetzen gilt, bevor man diese Probleme versteht und bearbeiten kann. Gesegnet sind die. Möglicherweise bilde ich es mir ein, aber das ist mir gerade egal. Die meisten Menschen nerven mich eh nur. Kommen quasselnd auf eine Station für Krisenintervention und tun so als sei nichts, und dann kommt ein Arzt und kann ihnen zuverlässig das Borderline Syndrom diagnostizieren. Und was ist mit mir? Was bin ich? Was fühle ich? Was kann ich und was nicht? Ab wann leide ich zuviel? Bin ich krank? Was tut mir gut?

Ich weiß es nicht.

Exekutives Vollversagen

Warum versage ich immer wieder darin mir Hilfe zu holen? Das frage ich mich wieder zum x-ten Mal in diesen Tagen.

Dass ich mich das frage, darauf wäre ich auch ohne die Hilfe von meinem Freund nicht gekommen. Langsam und hinterhältig hat es sich wieder angeschlichen, der Depressionsstrudel. Man könnte meinen, dass man es doch merkt, wenn man andauernd sich leer fühlt, Dinge wieder immer öfter negativ interpretiert, noch dünnhäutiger wird, nonstop müde ist, mindestens einmal am Tag weinen muss und so ein Chaos im Kopf herrscht dass man nicht einmal die einfachsten alltäglichen Dinge angehen und zuende bringen kann. Könnte man meinen, dass man doch dann irgendwie denkt: „Huch, da stimmt was nicht. Ich glaube, es kommt wieder eine depressive Phase. Ich glaube, ich sollte mir Hilfe suchen.“ Aber wenn es so einfach wäre, wäre ich, seitdem ich meine letzte Therapie vor 3 Jahren wegen meines Umzuges in eine andere Stadt abbrechen musste, längst wieder in ambulanter Behandlung.

Ich habe chronische Depressionen. Seit ca 8 Jahren nehme ich jeden Tag Medikamente dagegen. Meiner Ansicht nach habe ich diese Depressionen schon immer und von meiner Erzeugerin geerbt. Meine Kindheit hat wohl ihr übriges getan. Dies ist leider nicht eines von dieses Tiefs die sich voraussehen ließen, z.B. weil ich wieder meine Tabletten vergessen habe zu nehmen, oder „einen“ über den Durst getrunken habe. Dies ist ein waschechtes depressives Tief. Wenn ich mir gut überlegen muss wann ich raus gehe, da ich nicht weiß wann der nächste Weinkrampf kommt. Wenn ich stundenlang, tagelang, dasitze, vor dem Laptop, auf dem Sofa, ohne geduscht, gegessen oder irgendwas produktives getan zu haben. Wenn ich nicht weiß, wo ich anfangen soll und warum überhaupt. Und nicht zuletzt, wenn meine Beziehung zu meinem Schatz sich in ein emotionales Abhängigkeitsdrama verwandelt.

Das scheint so etwas wie ein Deja vu zu sein, denn vor genau einem Jahr entwickelte es sich genau so. Die Folge: Trennung. Nachdem ich in eine 12er WG gezogen war, hoffte ich mich endlich anpassen zu können. Endlich „normal“ werden zu können. Insgeheim hoffte ich, dass mein Freund mich noch lieben würde. Wie es aussieht hatte ich Glück. Wir kamen wieder zusammen.

Doch irgendwie wiederholt sich alles. Ich versinke in meinem Alltag, in dem ich momentan alles alleine machen muss, weil es keinen von außen auferlegten Terminplan gibt, abgesehen von ein paar Arztterminen. Ich leide und spalte mich gleichzeitig von meinem Leid ab. Das hat fatale Folgen. Ich merke nichteinmal, wie depressiv ich bin. Bis es knallt. Ein Ereignis, ein Trigger, und alles entläd sich. Und wie kann es anders sein. Natürlich ist mein Freund der Auslöser. Ohne es je gewollt zu haben. Getränkt in tödlicher Minderwertigkeitssäure breche ich vor ihm zusammen. Und er mit mir. Er hält es nicht aus, zu sehen wie ich leide, aber nichts dagegen tue. Bzw. erst dann, wenn es zu spät ist. Und das ist jetzt.

Mir bleibt gerade nichts, außer dieser Blog. Er tut, was ein Therapeut für mich tun müsste. Doch Depressionen lassen sich leider nicht einfach wegschreiben. Und das Paradoxeste an dieser Krankheit ist wohl, dass trotz der Tödlichkeit dieser Krankheit der Betroffene mit sich selber komplett alleine ist. Keiner wird mir helfen, solange ich nicht den ersten Schritt in die richtige Richtung mache. Aber wie soll ich das verdammt noch mal tun, wenn genau das mein Problem ist?

Angst fressen Seele auf

Angst vor dem Verlassen werden. Angst, weil ich gestresst bin. Angst nicht dazu zu gehören. Angst plötzlich doch dazu zu gehören und nicht zu wissen wie. Angst weil ich Ausweichtaktiken habe die leider viel Geld ausgeben zur Folge haben. Angst weil schon nach der ersten Woche mein ganzes Geld für einen Monat wieder weg ist. Angst dass ich deswegen wieder nutzlos und wie ein Schmarotzer auf andere wirke. Angst, dass mein Freund sich wieder ausgenutzt fühlt, weil er ja im Gegensatz zu mir arbeiten geht und das auch jeden Tag routiniert machen kann ohne irgendwelche Aussetzer zu haben. Angst, dass ich nie wirklich teilhaben kann. Angst, dass mein Freund insgeheim denkt, dass er mich ja eigentlich doch lieber als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft hätte, und, weil er das Asperger Syndrom nicht versteht und ich es auch noch nicht gut genug verstehe um ihm alle meine Verhaltensweisen erklären zu können, irgendwann wie vor genau einem Jahr wieder sich von mir entliebt. Angst dass er auch sauer wird weil ich die auf seinen Tip hin angefangene Fahrschule nun schon wieder viele Monate aufgeschoben habe und mein Geld stattdessen für kurzfristige Erleichterungen ausgebe anstatt mich weiter meinem Lernstoff zu stellen, Anträge zu machen und Prüfungen abzulegen. Angst dass mein Schatz es wieder nicht mehr länger akzeptieren kann dass ich immer gerade die Dinge, die mir langfristig das Leben leichter machen würden, aufschiebe, zugunsten kleiner Alltagsflüchte. Angst dass ich ihm nie richtig erklären kann warum und am Ende immer die Verantwortung dafür trage, dass ich wie eine Orientierungslose durch meinen Chaosalltag taumele und, unfähig Prioritäten zu setzen, Zeiten zu managen und das alles auch zu MACHEN, immer wieder an irgendeinem Ort ankomme wo ich eigentlich nie hin wollte, weil es mir einfach nicht gelingt herauszufinden was mir guttut. Angst dass ich nicht genüge. Angst weil ich, obwohl ich anders als alle anderen im Urlaubssemester bin und keinen vollgepackten Terminkalender habe, trotzdem unter einem diffusen Dauerstress stehe. Angst vor den ganzen Reizen um mich herum und den vielen Dingen die ich nicht vorhersehen kann weil mir die Struktur fehlt. Angst, dass ich es nie schaffen werde mir meine eigene Struktur zu gestalten, obwohl ich doch schon einen super tollen Kalender habe der mir dabei helfen soll. Angst dass ich mich selbst verliere und nur noch im Kreis drehe weil alles so durcheinander und kompliziert scheint, selbst einfachste Dinge wie Kochen oder Duschen. Angst dass ich, trotz des Stresses den ich wegen nichtigsten Dingen habe, niemals eine Art Genugtuung erfahre, oder sagen kann dass ich etwas gut gemacht habe, sondern immer nur Schuldgefühle zurück bleiben, dass es ja nicht ausreicht. Angst vor meinem neuen Job, der darin besteht fremden Leuten bei PC-Problemen zu helfen, was an sich für mich eine gute Sache ist da es meinen Interessen entspricht, aber mich vor eine ungeheure Stresssituation stellt trotz Liste, auf der steht was ich zum Kunden der Reihe nach sagen soll wenn ich bei ihm zuhause bin und das mache. Angst vor meinem Wohnsitz in dem Ort wo ich studiere, wo ich seit über einem halben Jahr fast gar nicht mehr anwesend bin sondern lieber den Alltag mit meinem Freund in der 50km weit entfernten Stadt verbringe. Angst davor mir eingestehen zu müssen dass der Umzug in diese 12er WG vor einem Jahr nach der vorübergehenden Trennung von meinem Freund wegen meiner aspergerspezifischen Probleme (von denen da noch keiner was ahnte) im Grunde nur ein weiterer verzweifelter Anpassungsversuch war, um endlich diesem Gefühl, niemals zu genügen zu entgehen. Angst es nun den ganzen Leuten da mitteilen zu müssen obwohl ich die letzten Monate fast nie da war und keine plausible Erklärung zu haben die ein NT verstehen könnte, warum ich dann überhaupt in eine 12er WG gezogen war und mir das nicht vorher überlegt hatte. Angst vor dem Stress der dann auf mich zukäme, wenn ich den ganzen Krimskrams, den ich besitze, entsorgen muss, es aber im Grunde ahne dass ich das brauche, da mich das alles so sehr belastet, zuviele Dinge, zuviele Menschen, ich muss mich aufs wesentliche reduzieren. Angst vor den peinlichen Momenten in denen ich wieder irgendwen aus der WG im Flur treffe und ich mittlerweile genau das vermeide weil ich mich einfach in eine soziale Sackgasse geritten habe. Angst vor meinem Körper. Angst, weil ich nun schon in mehreren Messungen einen ungewöhnlich hohen Puls habe und mich körperlich fast immer müde und angeschlagen fühle. Angst dass ich krank werde oder irgendwas mit dem Herzen habe. Angst dass es vom Rauchen kommt und trotzdem nicht aufhören können. Angst vor der Mittellosigkeit und trotzdem Geld für Dinge ausgeben, in der Hoffnung sie können mich von meiner Angst ablenken und den Grübelkrieg in meinem Kopf lindern.

Bezahltes Wissen

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Dieses Buch, bzw. vielmehr seine Wirkung auf meine „Mitmenschen“, bereitet mir seit einigen Tagen sehr viel Kopfzerbrechen. Ich stieß auf es, als ich ruhelos auf der Suche nach anspruchsvoller Lektüre auf Amazon herumstolperte. Der Autor, Richard David Precht, ist nach allgemeiner Auffassung ein Populärphilosoph, der einfache philosophische Bücher für die alltäglichen Themen, die das einfache Volk so interessiert, schreibt. Da Begriffe wie „Populär – x“ oder Populist in mir sofort eine Hassattacke auslösen, da sie implizieren dass die Arbeiten von Menschen, die dieser Sparte zugeschrieben werden, aufgrund der Tatsache dass sie nicht von der Masse derart für gut befunden wurden dass sie auf eine Akademie konnten die ihre Lehrinhalte auch nur aufgrund eines von der Masse generierten Geldflusses ausrichtet, nicht für mehr taugen als einen oberflächlichen, wenig fundierten Einstieg in wissenschaftliche bzw. allgemein von den „alten Experten“ gepachtete Themen. Dies ist, wie ich seit langer Zeit weiß, falsch und nicht falscher könnte es bei diesem Buch sein; gerade diese Menschen, die nicht einem pathetischen Durst nach Sicherheit nachlechtzen indem sie sich ihrer Wissenschaft hingeben wie einer Religion, sind auf erstaunliche Weise in der Lage unabhängige Schlüsse zu ziehen und auch vorgefertigte, massenfinanzierte Meinungen zu hinterfragen.

In dem Buch von Richard David Precht, „Liebe – ein unordentliches Gefühl“ geht es auch genau darum – genau deshalb fasziniert es mich, und umso mehr schockiert es mich, was ich den Rezensionen auf Amazon entnehmen musste. Dieses Buch sei in einer abgehobenen Weise „unhaltbar“, Behauptungen über evolutionsbiologische und andere wissenschaftliche Themen „aus der Luft gegriffen“, sogar ein Vergleich mit „Kreationisten“ bot sich da meinem schmerzenden Auge – nur weil der Autor es nicht einsieht, sich der doktrinischen Sicherheitssucht der heutigen Wissenschaft, die oftmals wirklich, genau wie es der Autor beschreibt, den „Gott in den Genen“ sucht und glaubt zu finden, zu beugen. Geradezu lächerlich fand ich auch Rezensionen die sich darauf bezogen, das Buch würde eher unordentlich sein als die Liebe selbst, da es nicht scheut, reihenweise auf den eigenen fachlichen Tellerrand begrenzte Vorstellungen von dem Bindungsverhalten des Menschen verschiedener Wissenschaftler zu hinterfragen und zu entschärfen, und im selben Atemzug mit philosphischer Neugier selbst keine endgültige Erklärung für den verzweifelten, sinnessuchenden Leser liefert.

Nun, wer sich über dieses Buch aufregt, hat weder Philosophie verstanden noch ist er ein wirklicher Wissenschaftler, da er sich selbst außerstande sieht, sich mit der philosophischen Unaufklärbarkeit menschlicher Phänomene abzufinden, und sich mit seinen Erkenntnissen auf den Behauptungen der vermeintlich akademisch nächsthöheren Instanz ausruht und auf infarme Weise die Nähe zu jeglichem religiös-dogmatischen Verhalten leugnet sowie sich aufgrund seiner Erkenntnisse, welche in den meisten Fällen nur Korrelationen sein dürften, zu subjektiven Schlussfolgerungen und vermeintlichen Antworten verleiten lässt.

Ich für meinen Teil bin von dem Buch fasziniert, auch wenn ich erst die Leseprobe im Google Play Store lesen konnte, und werde es mir bald kaufen, da es für mich unerlässlich ist, alles noch so angeblich beweisbare zu hinterfragen denn: Wir leben in einer vom Geld bestimmten Welt in der jeder, getrieben von einer nicht enden wollenden Sinnsuche, sein eigenes Verständnis von Wahrheit geltend machen möchte und dabei nicht vor unterdrückenden Schubladen zurückschreckt, und ich respektiere jeden Menschen, der die infarmen Muster, hinter denen sich jene angsterfüllte Wesen verstecken, durchschauen, und der Kritik zum Trotz ihren Mund nicht halten und ihren eigenen Menschenverstand so objektiv und unbeeinflusst wie nur irgend möglich einsetzen! Und sei es einfach nur ein philosophischer Brei, der mir keine Antwort gibt – am Ende ist die Antwort für mich nicht mehr und nicht weniger, und der Sinn in meinem Leben besteht darin, nicht aufzuhören mit der Suche, immer weiter zu machen mit dem Wissen, niemals ausgelernt zu haben.

Wrong Planet Syndrom

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Nun, dies wird wohl wieder einer dieser narzisstischen Selbstmitleids – Beiträge. Mein Blog weist tatsächlich bis jetzt fast nur solche Einträge auf und aus den Rechtfertigungen anderer Blogger mit ähnlichen Inhalten kann ich entnehmen, dass dies gesellschaftlich nicht gerade anerkannt ist. Nun, das kümmert mich an und für sich einen Scheißdreck und ich will auch keinen „Liebsten Award“. Auch interessiert es mich herzlich wenig, ob ich zu langatmig schreibe, den Leser nicht „abhole“ oder keine Themen behandle, die die breite Masse interessieren. Ich verstehe nicht, wieso dies überhaupt verlangt wird. Wieso Dinge wertvoller werden je massentauglicher sie sind. Zu viele Köche verderben den Brei und Quantität ist nicht gleich Qualität. Dies ist MEIN Blog, MEIN Ventil, und da kommt DAS rein, was ich nicht für mich behalten kann. Wer es liest ist selber schuld und es ist von mir gewollt, dass die Welt erfährt, wie sehr ich mich in ihr die meiste Zeit über wie ein Fremdkörper fühle, indem sie beim Lesen meiner Texte ebenfalls das Gefühl vermittelt bekommt nichts von alldem zu verstehen – und ganz und gar nicht literarisch bedient zu werden. Ich bin ja schließlich kein Unterhalter.

Ich bin in einem Daueroverload – eine hilfreiche Erkenntnis, und gleichzeitig kotzt es mich an, dass ich das so nennen muss. Ich hasse diese Schubladen. Sie sind so limitiert und betitelt man eigene Standpunkte und Zustände mit solchen Labels, wird gleich davon ausgegangen dass diese unwiderruflich gelten und keinen Blick über den Tellerrand zulassen, und achja ist da eine Schublade, muss ja ja ein passender übergeordneter Schrank existieren – diese krankhafte Sucht nach Sicherheit ekelt mich an. Das ist ein Teil von dem, was in mir diese Overloads verursacht. Dieser Teil äußert sich in einem andauernden Gefühl, die eigene Spezies nur noch verachten zu können, weil man gleichermaßen glaubt Dinge zu wissen und zu erkennen, die aber mit den Mitteln, die diese Spezies ab Werk hat und von der ich nun mal ein Teil bin (Sprache, Texte, Filme, usw.) niemals hinreichend nach außen übersetzen zu können bzw. sich anderweitig dieser Ungewissheit über den inneren Gedankenkrieg entledigen zu können.

Ich weiß nicht, aber mich belastet gerade einfach alles. Ich kann aber nicht einfach nur daliegen und nichts tun, weil die Leere mich regelrecht unruhig machen würde. Nach maximal 5 Minuten würde ich mir wieder mein Handy schnappen und irgendwelche Themen googeln, die eigentlich sachlich sein müssten, um dann wieder festzustellen, dass niemand meinem Anspruch an objektiver Betrachtungsweise gerecht werden kann und das Gefühl zu entwickeln, in einer Welt aus emotionalen Monstern zu leben.

Die Hitze tut ihr übriges und hindert mich daran, mich adäquat auf eine handfeste Sache konzentrieren zu können um wenigstens etwas produktives zu tun, z.B. meine Aufgaben für mein Informatik Studium zu erledigen. Ich bin nur müde und gleichzeitig die ganze Zeit schrecklich ruhelos.

Gestern war ich mit meinem Schatz im Freibad, an und für sich war das eine total schöne Sache, denn ich wollte endlich mit ihm zusammen dieses befriedigende Gefühl haben sich bei brühend heißem Wetter abkühlen zu können. Auch letzte Woche hatte ich diese Art der Abkühlung mit meinen Freunden. An und für sich könnte ich glücklich sein, auch endlich langsam aber sicher ein „normales soziales Sommerleben“ zu führen. Und das bin ich auch! Aber es ändert leider nichts daran, dass alles immer so stressig für mich ist und ich immer Pausen brauche selbst von den besten Menschen, ganz besonders wenn das Wetter an sich schon einen Daueroverload in Form von klebender Kleidung, streikendem Kreislauf und schweren Atem verursacht – und ich dann, sobald ich alleine bin, ambivalent dazu auf eine abwertende Weise so getrennt von allem fühle – sprich einsam. Und dann muss ich mir wieder eingestehen, dass ich eigentlich nur dieses Gefühl loswerden wollte, welches sich im Sommer ganz besonders penetrant anschleicht, wenn alle Menschen auf der Welt theatralisch ihre körperliche und soziale Freizügigkeit auf öffentlichen Plätzen feiern, da wo es auch jeder sehen kann, der ich, aus welchen Gründe auch immer,ursprünglich eigentlich nicht beiwohnen kann und will! Ich weiß nicht mal mehr ob ich es überhaupt will, oder ob ich es nur brauche, damit dieses quälende Gefühl des getrennt Seins von allem ebenfalls menschlichen um mich herum endlich weg geht!

Aber nein, ich will eigentlich auch gar nicht sein wie die anderen – denn ich BIN es nicht! Wieso sonst habe ich fortwährend das Gefühl Details zu sehen die keiner wahrnimmt, Dinge in ihrer Gesamtheit von Perspektiven betrachten zu können die andere wegen ihrer stumpfen Autoritätshörigkeit nicht einmal in Betracht ziehen (und sich damit sogar mitunter als „aufgeklärt“ bezeichnen) und werde davon förmlich verrückt, dass dieses ganze Einsichts-Kuddelmuddel niemand sonst erfährt?

Ab hier bricht mein Gedankengang wieder mal wohl ab, und ich muss meinen Oberload wieder auf die lange Bank schieben, da er ja sowieso nicht vermeidbar ist, egal wo ich gehe und stehe, egal wie laut oder ruhig es auch sein mag – mein Kopf mag einfach keine Ruhe geben und ist nicht einmal so fair mir mitzuteilen weshalb.

Die „eine“ Beziehung

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Heute will ich mal versuchen, etwas über die einzige Beziehung in meinem Leben zu schreiben, die anders als andere Beziehungen intuitiv zu meinem Alltag und meinem Leben gehört, so, wie bei anderen Menschen der Freundeskreis und Familie wie selbstverständlich in den Alltag gehören und auch gepflegt werden, ohne dass dies diese Menschen vor tägliche sensorische und mentale Herausforderungen stellt.

Bei mir ist das, wie bei wahrscheinlich bei vielen Autisten, nämlich nicht so einfach und intuitiv. Ja, ich habe eine tolle Patchwork Familie, die sich nach meiner Vergangenheit erst herausgebildet hat und zu einer wichtigen Basis für mich geworden ist. Ja, ich habe seit letztes Jahr auch einen besten Freund in der selben Stadt in der ich wohne, den ich regelmäßig besuche und mit ihm, seiner Freundin und seinen Nachbarn dann bei schönem Wetter im Garten sitze und ungezwungen Spaß haben kann – das ist das erste Mal, dass ich sozusagen eine „außerfamiliäre“  Familie habe, ein Haufen schräger Menschen, denen ich alles sagen kann und die alle irgendwie ein bisschen anders sind als die große Mehrheit, genau wie ich. Ja, dann habe ich noch eine sehr wichtige Person, die in Berlin wohnt, die Frau, die mir meine Diagnose ermöglicht hat und mich nach meiner Vergangenheit „aufgepeppelt“ und in ein eigenes, selbstständiges Leben begleitet hat. Und ja, zuletzt sind da natürlich viele Bekannte, die ich alle mal irgendwo gesehen und auch (in den allermeisten Fällen zufällig bzw. nicht gezielt) getroffen habe, aber im Großen und Ganzen keine wirkliche Rolle in meinem Leben spielen und die ich im Jahr vielleicht höchstens ein oder zwei mal überhaupt sehe.

Alle diese Beziehungen unterscheiden sich aber dennoch sehr von der „einen“ Beziehung zu M. :

1. Ich brauche IMMER Erholungsphasen, nachdem ich mich diesen Beziehungen gewidmet habe, je weniger nahe stehend, desto öfter und länger. Ob jemand nahe stehend ist, hängt dabei auch vom Charakter der Menschen ab; ob sie ähnlich offen eingestellt sind wie ich und ähnliche soziale Hemmungen haben – wenn dies der Fall ist, kann ich auch eher zu meinen sozialen Hemmungen und Erholungsphasen stehen. Dennoch muss ich mich nach einer Zeit (meist einige Stunden, mit Alkohol auch mal bis zu 10 Stunden) wieder komplett (!) von diesen Personen entfernen, um mich entspannen zu können. Ob dann in dieser Alleinseins-Phase andere fremde, mir völlig unbekannte Menschen in meinem Wahrnehmungskreis sind ist dabei nicht von Bedeutung, da ich diese, solange ich nicht mit ihnen verbal oder non-verbal kommunizieren muss, gelernt habe auszublenden, was mir aber auch nur abhängig von meiner psychischen Verfassung gelingt.

M. ist die einzige Person, die (fast) immer Tag und Nacht in meiner unmittelbaren Nähe ist. Mal im Nebenzimmer, mal gegenüber auf der Couch, mal im Bett. Die Tatsache, dass mich nicht nur die körperliche sondern schon die visuell oder akustisch wahrnehmbare Nähe von Menschen schnell in einen Stresszustand bringt trifft auf M. nicht zu, außer ich bin sowieso schon in einem Overload, weil wir z.B. in der Stadt waren oder der Fernseher läuft. Aber mittlerweile stellt er sich darauf ein und schaltet z.B. den Fernseher aus, wenn er mich stört. Er ist einfach da und ich fühle mich damit genau so wohl wie wenn ich alleine bin, auch wenn er im Nebenzimmer ist. Brauche ich einmal komplett meine Ruhe, schließe ich die Tür hinter mir. Dass wir das so handhaben ist noch in der Entwicklungsphase, da ich ja über meinen Autismus noch nicht lange Bescheid weiß und eigentlich nie gelernt habe das Mittel zwischen Distanz und Nähe zu M. zu finden.

2. Körperliche Nähe ist mir bei allen Personen extrem unangenehm. Bei meinem Freund ist es jedoch manchmal genau das Gegenteil: Ich kann sehr anhänglich werden und muss mich oft daran erinnern, dass ich auch bei ihm nicht all zu penetrant sein darf, da er ebenfalls ein Mensch ist, dem zu viel Nähe meist unangenehm ist.

3. Mein Freund vereint in sich eigentlich all die Eigenschaften, von denen alle anderen nur einen Teil besitzen. Er ist ebenso ein Einzelgänger, der soziale Kontakte braucht aber eben wohl dosiert. Er ist an wissenschaftlichen und technischen Themen extrem interessiert, unser gemeinsames (Spezial-)Interesse war von Anfang an die Informatik und Astrophysik. Er ist ein Nonkonformist, der alles hinterfragt und eine sehr genaue Definition von Beweis und Wahrheit hat, die er nach klaren logischen Regeln, und nicht nach emotionalen Beweggründen, anwendet. Er ist jemand, mit dem ich viel lachen kann. Und er liebt wie ich den Tanz und die Musik, und hat eine gewissermaßen verschüttete leidenschaftliche Ader. So ist er für mich nicht nur ein Mann, den ich anziehend finde, er ist auch als Mensch und in seiner Lebenseinstellung jemand, zu dem ich in nahezu jeder Situation einen Zugang finde.

Nahezu.

Denn würde ich mir noch etwas an ihm wünschen, dann wäre das, dass er mich verstehen könnte. Meine innere, emotionale Welt. Er ist ein Pragmatiker durch und durch, und passt etwas nicht in seine rational durchstrukturierte Welt, dann verunsichert ihn das stark. Sein Pragmatismus gibt mir mitunter Halt, verlange ich jedoch nach emotionaler Nähe, oder wünsche ich keinen Ratschlag sondern einfach nur eine emotionale Geste – und dies kann ich mir von niemandem sonst wünschen als von meinem Partner – dann lässt er mich in den allermeisten Fällen stehen. Holt mich nicht ab, ohne es wirklich zu bemerken. Dieses Abholen, das wünsche ich mir, doch ich frage mich auch, ob es zu einer Partnerschaft gehört, emotional abgeholt zu werden. Ob das nicht vielleicht eher ein Überbleibsel meiner traumatischen Vergangenheit ist. Aber nein – es ist ein Teil meiner Persönlichkeit, ob es nun von traumatischen Erlebnissen herrührt oder nicht! Und es bringt leider oft Schwierigkeiten in unsere Beziehung, dass ich dies erwarte, er es nicht oder nicht hinreichend bringen kann und ich darauf hin emotional „überlaufe“, weil ich keine anderen Strategien habe, mit meiner mitunter plötzlichen Emotionalität umzugehen.

Eine Strategie ist wohl dieser Text, den ich gerade schreibe.

Als ich noch nicht von meinem Autismus wusste und jahrelang verzweifelt versuchte mich anzupassen, hatte ich nicht nur von mir selbst, wie auch von der Liebe keinen blassen Schimmer. Liebe war für mich schwarz oder weiß. Intensiv, oder nicht wirklich vorhanden. Das rührte daher, dass ich nie wirklich in gegenseitigen Kontakt mit Menschen (ich meine nicht den rein physischen Kontakt, sondern den auf mentaler Ebene) kam, und in meinem Kopf viel Raum für Sehnsüchte und Fantasie blieb. Der Drang es aber zu müssen machte darauf eine Entweder- oder Denkweise. Mein Freund war jedoch kein Mensch für diese Dinge; er war genau wie ich einer, der schwer Zugang zu anderen findet. Er kann schwer Gefühle zeigen; was jedoch nicht heißt dass er keine hat. Ich schob die Tatsache, dass meine Vorstellung von der Liebe bei ihm nicht klappte, darauf dass er er Falsche war. Heute weiß ich, dass nicht meine Beziehung zu ihm, sondern meine Vorstellung davon falsch war. Und seitdem ich weiß welchen romantischen Verklärungen ich aufgesessen bin, kann ich unsere Beziehung wirklich gut heißen.

Das alles ist jedoch nichts, was von heute auf morgen passiert. Meine Vorstellung von der Beziehung zu meinem Freund festigt und gestaltet sich proportional zu der Vorstellung von der Beziehung zu mir selbst, und für diese Vorstellung war die Diagnose ein wichtiger Meilenstein, auf dem dieser Blog nun auch fußt. M. und ich hatten schwere Zeiten hinter uns, doch wir bewegen uns nun endlich langsam aufeinander zu, und nicht nebeneinander her. Dass eine Beziehung Arbeit ist, ist etwas, was für mich nun keine leidige Last ist, sondern eine Lebensaufgabe, der ich mich gerne widme, da ich nun weiß, was dieser Mensch für mich bedeutet: Er ist mein Hafen in einer viel zu lauten und chaotischen Welt. Mein Fels in der Brandung. Mein Zugang zu lang ersehnter Zwischenmenschlichkeit. Meine Logik und manchmal auch ein Stück von dieser verheißenden Ungewissheit, nach der ich mich dennoch hin und wieder sehne.